The Lean Startup – Unterschätzen wir die Risiken?

Seit seiner Veröffentlichung im Jahr 2011 hat das Buch „Lean Startup“ von Eric Ries weite Kreise gezogen und viele von uns wenden die Prinzipien des Buches täglich an. Nach nun fast 10 Jahren mit Lean Startup stellt sich mir jedoch umso mehr die Frage: Sind wir uns eigentlich der Risiken bewusst, die das Vorgehen nach dem Buch Lean Startup mit sich bringt? Und wenden wir die gelernten Prinzipien überhaupt richtig an?

2016 war mein erster Berührpunkt mit dem Buch Lean Startup. Frisch aus dem Studium, rein ins Startup. Bei evalu hatten wir alles, Stand-Up-Meetings, Daily-Scrum, Sprint-Planning und natürlich war alles was wir taten lean. Ich war fasziniert und angetan von all diesen Methoden. Frisch nach meinem Ingenieurs-Studium war alles davon absolutes Neuland für mich. Ich saugte die Bücher in mich auf, die ganzen Methoden, das ganze Wissen, damit ist es ja quasi unmöglich zu scheitern! Dachte ich (zumindest) zu diesem Zeitpunkt. (Spoiler-Alert: Wir sind gescheitert.)

Jetzt haben wir 2021 und meine anfängliche Euphorie der heute gängigen Startup-Methoden ist definitiv vorüber. Ich habe inzwischen selbst gegründet, zahlreiche Gründungen begleitet und ein ganzes Masterstudium zu dem Thema absolviert. Dementsprechend hat sich mein Blick natürlich geändert.

Heute sehe ich ein großes Risiko in der Erwartungshaltung die mit Arbeit nach den Lean-Startup-Prinzipien oftmals einher gehtDiese (in meinen Augen, missverstandene Interpretation dieser Prinzipien) erwartet regelrecht mittelmäßige Arbeit, da alles darüber nichtmehr lean wäre. 

Wie oft habe ich gehört: „mach das aber ja lean“ wenn damit eigentlich gemeint war:mach irgendwas, aber steck ja keine Mühe rein, wehe du brauchst da vier Stunden für!

Natürlich sind die Vorteile enorm, immer direkt Kundenfeedback zu erhalten. Aber ein Produkt oder eine Dienstleistung muss auch gewisse Anforderungen erfüllen um daraus Feedback ziehen zu können. Natürlich erhalte ich durch Tests mit realen Anwendern immer neue Informationen, aber ist dabei auch die Antwort die ich gesucht habe? Denn was Kunden sagen, und was Kunden wirklich wollen, kann manchmal ganz schön weit auseinandergehen. (Don’t Listen To Your Customers – Do This Instead | Kristen Berman | TEDxBerlin)

Chamath Palihapitiya (VP @ AOL, VP of Growth @Facebook, VC-Investor) sagte in einem seiner Talks: „Bei vielen Produkten die mir täglich vorgeführt oder gezeigt werden, ist mein erster Gedanke: Ist das euer Ernst? Habt ihr euer Produkt schonmal selbst benutzt?“ (Link: https://youtu.be/raIUQP71SBU)

Meiner Meinung nach werden die Risiken die mit den Lean-Startup-Prinzipien einhergehen oft vernachlässigt oder unterschätzt. Vieles, das heute unter dem Deckmantel „Lean Startup“ geschieht, ist schlicht und einfach unvollständige Arbeit. Denn bei jedem Test mit realen Kunden sollte vorher genau festgelegt werden, was mit diesem Test bezweckt werden soll und ob das aktuelle MVP auch in der Lage ist dies herauszufinden.

„Lean“ sollte niemals als Synonym für „mach mal schnell irgendwie“ verwendet werden. Sondern immer mit dem Wissen des Risikos welches jedes Minimum-Viable–Product mit sich bringt.

Denn was passiert eigentlich in einer agilen Produktentwicklung wenn die falschen Schlüsse gezogen werden aufgrund eines unzureichenden MVP’s?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.